Mit gemischten Gefühlen
Gedanken zu Heinz Klipperts "Übungsbausteine für den Unterricht".
von Manfred Krämer
Mit gemischten Gefühlen beende ich die Lektüre der drei "Übungsbausteine für den Unterricht" von Heinz Klippert: 1. Methodentraining, 1994/ 2000, 2. Kommunikationstraining, 1995/ 2001, 3. Teamentwicklung im Klassenraum, 1998. Ich teile nicht die vielerorts verbreitete Euphorie, die in einem methodischen Wissen á la Klippert den "Stein der Weisen" für die nach Pisa nötigen Schulreformen sieht. Umgekehrt halte ich die scharfe Kritik von Gruschka u.a. für überzogen, die Klipperts Methoden für eine lernfeindliche Mogelpackung halten.
Ich bin auf Altbekanntes gestoßen, auf Methoden, die von Lehrern in den letzten Jahren wie selbstverständlich angewandt wurden und auf vieles Neues. Nicht nur für junge Lehrer ist sein Methodentraining anregend und kann ihnen für einen vielfältigen und kreativen Unterricht Unterstützung sein. So habe ich aus seinem Kapitel 4, "Methoden der Arbeits-, Zeit und Lernplanung", wertvolle Anregungen bekommen, wie z.B. wie Arbeiten mit dem "Mind-Map", Flussdiagramm, Lernplakate usw. herstellen. Seine Anregungen zur Vorbereitung von Klassenarbeiten, (Methodentraining, S 217-222) können helfen, den Schülern die Angst vor den Klassenarbeiten zu nehmen und bieten gute Strukturierungsmöglichkeiten.
Sehe ich also im praktischen Teil wertvolle Hilfen für Lehrer, so ist die Behandlung von grundsätzlichen Fragen wenig überzeugend. An vier Punkten will ich die Ambivalenz, die ich den Büchern von Klippert gegenüber empfinde, verdeutlichen.
Umgang mit der Zeit
Die methodischen Anregungen von Klippert können helfen, Lernen zu strukturieren und damit Wege zur Vertiefung eröffnen. Gut eingesetzte Methoden können den Schülern helfen, Zeit für Wesentliches und zur Vertiefung zu gewinnen.
Umgekehrt kann die Orientierung auf Präsentation zu einer Einstellung der Veräußerlichung und Verflachung führen. Dann legen SchülerInnen das Hauptmerkmal auf das Produkt. Nicht mehr Wissen und Erfassen von Texten, z.B. das Verstehen von literarischen, religiösen und philosophischen Aussagen im Kontext der jeweiligen Weltanschauung steht dann im Vordergrund, sondern die bildhafte Illustration. Was präsentierbar ist wird aufgenommen und bearbeitet, was in die Tiefe geht und innerlich verarbeitet werden muss, um wirksam zu sein, geht verloren.
Tiefe braucht Muße und Gelassenheit. Überforderte Lehrer und gehetzte Schüler sind dazu nicht in der Lage. Statt Weltliteratur von Goethe bis Grass selbst zu lesen, werden Schüler sich rasch aus dem Internet Informationen über die Autoren und ihre Werke holen, ohne sich von den Originaltexten selbst berühren zu lassen.
"Weniger ist mehr" gilt gegenüber der Überfülle von wechselnden Methoden. Die Gefahr besteht, dass das Wachsen der Einzelnen und der Gruppe dadurch behindert wird. Umgekehrt gilt es, den Zusammenhang von ruhiger Konzentration und Tiefe stärker zu akzentuieren.
Wissen und Methode
Die Arbeit der Lehrenden war und wird weiterhin zwischen zwei Polen stattfinden: Wissensvermittlung und Hilfe zum autonomen Lernen
Diese beiden Pole haben ihre Schattenseiten. Die nur auf Wissensvermittlung fixierte Schule kann leicht zur Paukschule werden, in der nur die Sache, nicht die lernende Person oder die Gruppe berücksichtigt wird und in der es fast ausschließlich um abfragbares Wissen geht. Allzu oft höre ich von KollegInnen, dass die Schüler für eine Klassenarbeit viel Stoff pauken, den sie nach der Arbeit rasch vergessen haben und dessen Inhalte sie nicht anregt, sich mit den Themen weiter zu beschäftigen. Das Personsein oder die Atmosphäre in der Klasse spielen dann unter einem überfordernden Leistungsdruck eine geringe Rolle. Eigenständiges Arbeiten im Team kommt zu wenig vor.
An dieser Stelle sind die Anregungen von Klippert Herausforderungen, die Kreativität, Eigenständigkeit und kommunikative Fähigkeiten von Schülern zu fördern. Der Lehrer wird hier mehr Moderator als klassischer Lehrer sein. Das ist für die Schüler und ihr Lernen wertvoll, wenn es nicht absolut gesetzt wird und der Wissenspol nicht unterschätzt wird.
Methode soll Wissenserwerb und reflektiertes humanes Verhalten in der Schule unterstützen. Wenn die Methode Priorität bekommt, kann oberflächliches Denken unterstützt werden, da Inhalte und Lernziele vernachlässigt werden. Eine Seminarleiterin schreibt dazu: "Bei meinen Referendaren habe ich oft erlebt, dass sie aus Begeisterung für eine Methode übersehen haben, dass diese gar nicht zur Vermittlung ihres Lernziels geeignet war". Die Lehrenden sind immer auch Träger von Bildungswissen, das sie gelegentlich "frontal" vermitteln müssen. Der gut vorbereitete Vortrag, z.B. in der kommunikativen Form, gibt nicht nur Impulse, fasst Wissen zusammen, zeigt den "roten Faden" des von den Gruppen erarbeiteten Ergebnisses auf. Er wird auch von SchülerInnen, die oft unter der Fülle von Gruppenarbeit leiden, als notwendige Ergänzung wertgeschätzt. In meiner Fachschule für Sozialpädagogik, dem Pestalozzi-Fröbel-Haus, haben uns über mehrere Jahre die Studierenden in jährlichen Befragungen bestätigt, dass sie die Vorlesungen von Lehrern vor dem Auditorium von sieben Klassen einer Klassenstufe sehr schätzen, da sie hier von engagierten Lehrern neues Wissen zu zentralen Lerngebieten vermittelt bekommen haben. Die Balance zwischen diesen beiden Polen zu halten, bleibt weiterhin Aufgabe der LehrerInnen.
Unterricht und Beziehung
In der Themenzentrierten Interaktion (TZI) ist ein vertieftes Wissen um die Bedeutung der Beziehung zwischen Gruppenleitern und Mitgliedern der Gruppe, also auch Lehrern und Schülern, aber auch von Strukturen und Prozessen in Gruppen vorhanden. Was Barbara Langmaack in ihren Ausführungen über die Leitenden als Lernquelle und Modellfigur, in dem Buch: "Einführung in die Themenzentrierte Interaktion TZI", (Beltz-Verlag, Weinheim und Basel, 2001) entwickelt, halte ich als Grundhaltung der LehrerInnen gegenüber SchülerInnen für bedeutsam.
Als LehrerIn kann ich die Methoden als Selbstzweck instrumentalisieren, um mir die eigene Arbeit leichter zu machen (was angesichts der Überforderung von LehrerInnen durchaus legitim sein kann). Ich kann eine lern- und personenorientierte Grundhaltung haben, durch die ich zuerst frage, was dem Lernprozess der Schülerinnen nützt.Jeder weiß, wie sehr die vertrauensvolle Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen das Lernen fördert und wie sehr Misstrauen und Feindseligkeit zwischen autoritären LehrerInnen und blockierenden SchülerInnen das Lernen erschwert, ja unmöglich machen kann.
Wie sehr die Struktur den Prozess fördern und das Vertrauen stärken kann, hat Dietrich Stollberg mit seinem Balancemodell aufgezeigt. Die vertrauensvolle Beziehung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen ist eine Grundlage für schulisches Lernen. Er hat auch umgekehrt auf die Disbalance von Misstrauen, Stagnation und Chaos hingewiesen (vgl. Dietrich Stollberg, Wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Zum Begriff des Schattens in der TZI, in: TZI. Pädagogisch - therapeutische Gruppenarbeit nach Ruth Cohn, hrsg. Von Löhmer/Standhardt, 3. Aufl.-Stuttgart: Klett - Cotta, 1995, S. 207-218).
Nicht nur Methodenwissen, sondern auch Wissen um lernfördernde und lernhindernde Verhaltensweisen von LehrerInnen und SchülerInnen sollte gefördert werden. LehrerInnen, die selbstkritisch auf sich selbst schauen können, die im Konflikt auf Machteinsatz verzichten und sich als personale Autorität glaubhaft erweisen, können für SchülerInnen ein Modell des Verhaltens werden. LehrerInnen, die gegenüber Vorgesetzten unterwürfiges Verhalten zeigen und umgekehrt mit Macht gegenüber den abhängigen Schülern auftreten, werden negatives Lernen von SchülerInnenn fördern. So wie der schlechte Handwerker durch besseres Handwerkszeug kein guter Handwerker wird, so wird auch eine schwache "Lehrerpersönlichkeit" durch den besten "Methodenkoffer" kein/e gute/r LehrerIn. Die gute Beziehung, also angstfreie Kommunikation zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, ist eine Voraussetzung für das wirkungsvolle methodische Arbeiten.
Kooperation ohne Vertrauen kann leicht Rivalität und Strategie um guter Noten willen werden. SchülerInnen entwickeln statt einer offenen Haltung der Kooperation eine feindselige Strategie, um mit möglichst wenig Aufwand möglichst gute Noten zu erhalten.
Ebenso wichtig ist die Achtsamkeit gegenüber der Atmosphäre in den Klassen. Angesichts der aktuellen Diskussion über Gewalt unter SchülerInnen stellt sich die Frage, ob nicht ein unreflektierter Einsatz von Wettbewerbsmethoden, die Klippert empfiehlt, zur Isolation schulisch schwacher SchülerInnen führen und damit deren Aggressionen steigern kann. Wieder erleben sich dann leistungsschwache SchülerInnen als "Loser", deren Hass auf die "Winner" die Klassenatmosphäre belastet.
Klippert und die TZI
Als TZI-Lehrer hat mich die Frage beschäftigt, wie Klippert das Wissen der Themenzentrierten Interaktion (TZI) einbezieht. Ich bin hier enttäuscht. An einigen Stellen benutzt er Methoden, die seit den 70ger Jahren in der TZI angewandt werden, wie den Fishbowl, ohne mitzuteilen, von wem er diese Methode übernommen hat (Kommunikationstraining, S.152). Das umfangreichen Wissen von Ruth Cohn und der TZI über "Lebendiges Lernen" und ganzheitliches Lernen wird leider kaum einbezogen. Weder das Wissen um Lernen und Verhalten der Einzelnen, um Gruppenstrukturen und -prozesse noch das um Themenfindung und -formulierung wird von Klippert berücksichtigt. Von Ruth Cohn wird nur an einer Stelle das TZI-Dreieck zur Bilanz und Reflexionsphase von Gruppenarbeiten angeführt und methodisch hilfreich mit Bewertungsstrahlen umgesetzt. Es erscheint mir nicht zufällig, dass der Globe, der als vierter Aspekt beim TZI-Dreieck mitgedacht werden muss, von Klippert ignoriert wird. Die Berücksichtigung des Globes würde nämlich zur kritischen Auseinandersetzung u.a. mit den lernfeindlichen finanziellen und politischen Vorgaben des deutschen Bildungswesens führen. Ich frage mich, ob nicht die Popularität Klipperts bei den Schulverwaltungen mit dem Fehlen einer kritischen Reflexion von Macht und Strukturen in Verbindung steht.
Mein Fazit
Die Übungsbausteine für den Unterricht von Heinz Klippert sind für den Schulalltag hilfreich. Sie können den Unterricht durch klare methodische Strukturen erleichtern und verlebendigen. Da, wo sie als Ersatz für die Diskussion lernfeindlicher schulischer Rahmenbedingungen herhalten sollen, fördern sie die Erhaltung erstarrter schulischer Strukturen und Machtverhältnisse. Die neuen Methoden können nur tragfähig werden, wenn sie in einer lernfreundlichen und demokratischen Schule umgesetzt werden.
|