Rütli tanzt – ein Geschenk bewegt die Schule
Workshop der Showgruppe Young Americans an der Rütli-Oberschule.
von Petra Eggebrecht, Rütli-Oberschule
Nachdem unser Brief verschiedene gesellschaftliche Fehlentwicklungen in den Blickpunkt gerückt hat und die Presse aus unserer Zustandsbeschreibung Gewaltszenarien konstruierte, erreichte uns eine Welle der Solidarität. Selbst die oberste Schulbehörde sah nun ein, dass gerade eine Hauptschule mit zu wenig Personal scheitern muss. Es wurde schnell gehandelt: Ein erfahrener Interims-Schulleiter aus Reinickendorf, zwei Neueinstellungen und ein Psychologenteam unterstützen nun das Kollegium. Zeitgleich starteten drei Sozialpädagogen ihre Arbeit. Zwei von ihnen wären allerdings auch ohne unseren Brief gekommen. Wir hatten sie schon im Oktober 2005 über das Quartiersmanagement Reuterplatz beantragt. Die Hilfsangebote aus den Bereichen Kunst/ Musik/ Theater versuchen wir nun zu integrieren und auch langfristig zu etablieren.
Ein besonderes Geschenk
Ein besonderes Geschenk machten uns die Young Americans – eine Showgruppe, die zur Zeit durch Europa tourt und dreitägige Workshops, vor allem in Schulen, durchführt: Ende April erreichte uns der Anruf eines Rektors aus Fehrbellin, wo die Young Americans gerade gastierten. Er war überzeugt, dass ein solcher Workshop in unserer Situation genau das Richtige wäre, um unsere Schulgemeinschaft in ein anderes Licht zu rücken. Der Manager der Gruppe reiste noch am gleichen Tag an, um uns als Schulleitung zu überzeugen, dieses Experiment zu wagen:
Der Workshop
Ziel des Workshops ist es, dass alle SchülerInnen und alle LehrerInnen innerhalb von drei Tagen eine Show auf der Bühne präsentieren, die die Herzen der Akteure und der Zuschauer öffnet. Dazu arbeiten 45 Young Americans im Alter von 18 – 22 Jahren mit den SchülerInnen und LehrerInnen. Sie sollen in den Familien der SchülerInnen wohnen und verpflegt werden. Für die Show muss ein Veranstaltungsraum organisiert werden, während die beiden Übungstage in der Schule stattfinden können.
Unser Termin wurde auf den 22. bis 24. Mai festgelegt. Die Schulleitung sagte dem Geschenk zu, überzeugt davon, dass wir Schüler- und Lehrerschaft auch dafür begeistern können. Wie das Ergebnis zeigte, war unsere Einschätzung richtig.
Es geht los
Die Organisation begann: Wir mieteten die Arena mit gut 900 Zuschauerplätzen und mussten nur die Betriebskosten übernehmen, keine Miete zahlen. Getränke und Kosten der Veranstaltung übernahm das Quartiermanagement Reuterplatz. LehrerInnen und SchülerInnen wurden überzeugt. Die Eltern wurden per Brief informiert und aufgerufen, Unterkunft und Verpflegung für die Gruppe zur Verfügung zu stellen: Acht Young Americans konnten so bei SchülerInnen untergebracht werden. Die Nachfrage beim Manager ergab, dass Schule oder Hotel als Übernachtungsmöglichkeit nicht in Frage käme, die Alternative sei allenfalls die Unterbringung bei den LehrerInnen. Auch das gelang schließlich. Sogar zwei Kolleginnen der benachbarten Heinrich-Heine-OR beherbergten Young Americans. Jetzt konnten die Einladungen für die Show verschickt werden und der Workshop konnte beginnen.
Am Sonntagmittag reisten die Young Americans an. In der Turnhalle wurde die Bühne aufgebaut, jeder Handgriff saß, jeder hatte seine Aufgabe. Um 18 Uhr kamen die Gasteltern und nahmen ihre „Kinder“ in Empfang. Am Montag war erster Trainingstag von 8 bis 15 Uhr. Der zweite Trainingstag ging von 8 bis 17 Uhr. Am Mittwoch war dann vormittags die Generalprobe und anschließend von 12 bis 14 Uhr die große Premiere!
Proben in der Schule
Die SchülerInnen waren in drei Altersgruppen eingeteilt: 13-14 Jahre (gelb), 15-16 Jahre (orange) und 17-18 Jahre (rot). Die LehrerInnen ordneten sich zu, auch sie nur Lernende, nicht Aufpasser oder Eingreifer. Die Klassen hatten für beide Tage in der Schule ein reichhaltiges Buffet organisiert, das von einer Mutter und einigen KollegInnen betreut wurde. An beiden Trainingstagen wechselten sich Workshops mit Tanz- und Gesangseinlagen der Young Americans ab. Wir lernten in den Altersgruppen Tanzformationen, sangen einzeln und im Chor, machten Improvisationsspiele, sprachen über Gefühle. Die Young Americans eroberten die Herzen der Lernenden. Sie trösteten, bauten auf, ermunterten, zeigten den SchülerInnen ihre Wertschätzung und erzielten dadurch Ausdauer und Erfolg. Mit Störungen gingen sie souverän um. Nur einmal war es erforderlich, dass ein Schüler einen Workshop verlassen mussten. Auch diese Schüler konnten später wieder integriert werden.
Die Aufregung vor der Show war groß. Auf der Generalprobe ging noch vieles durcheinander. Doch die Young Americans schafften es, alles auf den Punkt zu bringen. Die individuelle Betreuung der Soloauftritte, das An-die-Hand-Nehmen von SchülerInnen und LehrerInnen durch die Young Americans stärkten den Mut und das Selbstbewusstsein. Die SchülerInnen waren fasziniert vom ersten Teil der Show, den die Young Americans uns Rütlis gewidmet hatten. Eine Musical-Show, die die Arena mit über 900 ZuschauerInnen in ihren Bann zog. Auch unsere Show erreichte die Gäste, Ergriffenheit auf beiden Seiten, am Ende Tränen beim Abschiednehmen.
Gemeinsam als Lernende
Die Beteiligung der Schülerschaft lag bei 90 Prozent, die der LehrerInnen bei --75 Prozent. Insgesamt können wir sagen, dass diese drei Tage eine überwältigende Erfahrung für unsere Schulgemeinschaft war. Die Begegnung von SchülerInnen und LehrerInnen auf einer Ebene – als Lernende – schafft eine neue Atmosphäre in der Schule, die sich positiv auf den Schulalltag auswirkt. Die gemeinsamen Erlebnisse werden erinnert, Bilder und Videoclips ausgetauscht, Schülerzeitungen entstehen, eine Tanzgruppe organisiert sich gerade selbst, angeleitet von SchülerInnen. Wir wollen die Bedürfnisse nach Tanz und Gesang aufnehmen und auch AGs mit professionellen Anleitern organisieren.
Der Presserummel war ähnlich groß wie nach unserem „Brandbrief“, aber auf die Titelseiten haben wir es mit der Positivmeldung nicht geschafft – eine Erfahrung, die für die SchülerInnen ebenfalls interessant war.
Info-Kasten
YOUNG AMERICANS
Begeistert von den Young Americans ist nicht nur die Rütli-Oberschule. In der Offenen Schule Waldau (Hessen), die wir in der letzten blz vorgestellt haben, war die Showgruppe Ende Mai 2006 schon zum dritten Mal zu Gast – obwohl der dreitägige Workshop pro Teilnehmer immerhin 49 Euro kostet. Die Young Americans sind als Entertainment-Gruppe seit den frühen 60er Jahren überall in den USA bekannt und touren inzwischen rund um den Globus.
Weitere Infos: www.youngamericans.org
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